Mein Weg in die Kantorei Berlin-Rahnsdorf

Von Reiko Köhler

Im Frühsommer 2011 fahre ich wie immer mit der S-Bahn zur Arbeit. Ich hatte mir angewöhnt, wenn es das Wetter zulässt, mit dem Fahrrad von Woltersdorf zum S-Bahnhof Rahnsdorf zu fahren und auf möglichst immer anderen Wegen abends wieder nach Hause. Über Schöneiche, über  Wilhelmshagen, über Erkner, ja selbst über Friedrichshagen und um den Müggelsee.

In dieser Woche fällt mir im S-Bahnhof ein Plakat auf. Die „Taborkirche“ wird 100 Jahre alt. Wo ist denn die Taborkirche? Naja, ist aber auch nicht so wichtig! Mit Kirche habe ich an sich nichts zu tun. Ich wurde ohne direkten Bezug zum Christentum erzogen. Es wurde nie gebetet, ich war in meinem Leben niemals in einem Gottesdienst, Ostern ist ein Familienfest mit Eiern, Süßigkeiten und Essen und zu Weihnachten hört man Weihnachtslieder, weil es eben zu Weihnachten gehört, nicht, weil man die Geburt des Heilands feiern möchte. Ich bin nicht einmal getauft.

Am Dienstag führt mich mein Heimweg also über Wilhelmshagen.

Ich komme aus Richtung Bahnhof und will zur Hauptstraße nach Erkner. Ich komme zur Kirche. Ich bemerke, dass DAS die Taborkirche ist (es steht auf einem Plakat über der Tür) und was viel wichtiger ist: Die Tür steht offen und aus der Kirche klingt Musik! Ein Chor scheint dort zu proben, denn regelmäßig werden Lieder unterbrochen und neu angesetzt. Ich möchte die Probe nicht stören, aber da es ein schöner Abend ist, setze mich auf die Kirchenstufen und höre ein wenig zu. Nach einer Weile schaue ich mir die Aushänge im Schaukasten neben der Treppe an und sehe die Ankündigung zu einem Chorkonzert. Die „Kantorei Rahnsdorf“ singt in einigen Tagen, an einem Samstag, Puccinis „Missa di Gloria“. Dann probt hier wahrscheinlich grad diese „Kantorei“…. Na gut, ich merke es mir und ziehe meiner Wege. An dem entsprechenden Samstag fahre ich recht kurzentschlossen nach Wilhelmshagen und höre mir das Konzert an. Der Chor ist recht groß, so groß, wie ich es mir hier am Rande von Berlin gar nicht vorgestellt hätte. Sie führen die „Missa di Gloria“ auf und machen ihre Sache gut! Es gibt also einen Chor bei mir in der Gegend der SOLCHE Musik macht. Das weckt mein Interesse.

Seit der Schule habe ich nicht mehr im Chor gesungen. Ich habe immer mal wieder darüber nachgedacht, wieder in einen Chor zu gehen, hab mir auch in den letzten Jahren zur Fête de la Musique mehrere Chöre angehört. Einige dieser Chöre suchten auch Mitsänger, auch gern Bässe, aber die proben dann in Steglitz, Spandau oder in ähnlich „nahen“ Stadtteilen. Und nun entdecke ich direkt vor meiner Nase solch einen Chor! Ich suche im Internet und finde die Seite der Kantorei. Auf ihr wird eine Geschichte erzählt, wie einst ein Bus gemietet wurde und als der Bus den Chor abholen kommt, fragte der Busfahrer „Sind Sie die Konditorei Rahnsdorf?“ Ich verstehe den Busfahrer sehr gut. :-) Aber auf dieser Seite erfahre ich auch, was eine Kantorei ist. Ich erfahre, dass es der Chor der evangelischen Gemeinde ist und dass sie mehrmals im Jahr Gottesdienste begleitet. Ausserdem werden ein bis zwei Mal im Jahr eigenständige Konzerte gegeben, in dem größere Chorwerke aufgeführt werden.

Hmm, sonntags vormittags habe ich normalerweise Zeit und große Chorwerke zu singen, klingt interessant. Aber ein Kirchenchor? Ich weiß nicht. Andererseits bin ich der Meinung, dass die schönste Musik im Namen der Kirche und des Glaubens geschrieben wurde. So bin ich also hin und her gerissen. Ich finde auf der Seite einen Veranstaltungsplan. Noch vor der Sommerpause wird es einen Festgottesdienst zur Einweihung der restaurierten Dinseorgel in der Dorfkirche in Rahnsdorf geben, in dem die Kantorei singen wird. Trotz verschiedener Bedenken beschließe ich, mich in diesen Gottesdienst „einzuschleichen“, um mir die Kantorei noch einmal anzuhören.

Vor kurzem habe ich zur Fête de la Musique die Köpenicker Kantorei gehört, die einige Teile der Messe op. 159 von Josef Gabriel Rheinberger gesungen hat. Ein wunderschönes Stück! Ich sitze also in diesem Gottesdienst und die Rahnsdorfer Kantorei … singt Stücke aus genau dieser Messe! Es ist traumhaft! – Ja, ich will in diesem Chor singen!

Nach der Sommerpause gehe ich also zu einer Probe. Ich spreche den Chorleiter, Herrn Raudszus, an und frage ihn, ob ich mitsingen darf. Er heißt mich willkommen, ruft einen Herren aus dem Bass heran und bittet ihn, sich um mich zu kümmern. Es beginnen gerade die Proben für das Weihnachtskonzert: Bachs Weihnachtsoratorium, Kantaten 1-3! Vor über 16 Jahren im Schulchor standen nur einzelne Lieder auf dem Programm: Kanons, Gospels und ähnliches. Was man als normaler Schulchor mit 45 Minuten Probenzeit pro Woche halt so leisten kann. Und nun gleich Johann Sebastian Bach! Aber dank der Leute im Chor bin ich gut aufgehoben und fühle mich in meiner Stimmgruppe sofort wohl.

Einige Wochen später „beichte“ ich jenem Herren aus dem Bass, dass ich nicht getauft und nicht gläubig bin und frage, ob es aus seiner Sicht ein Problem ist, dass ich in diesem Chor singe. Seine Antwort spricht Bände: „Ist es nicht für DICH komisch, mit UNS zusammen zu singen?“ Ich sage erstaunt „Nein, natürlich nicht! Warum sollte es?“ und damit ist das Thema ein für alle Mal aus der Welt.

So kam ich also in die Kantorei Rahnsdorf, durch eine Verkettung vieler Zufälle: Ich kam in genau dieser Woche an genau diesem Abend genau zu dieser Zeit an genau dieser Kirche vorbei. Wie ich später erfuhr, war es die Festwoche zur 100-Jahr-Feier der Taborkirche und zu diesem Anlass wurden (nur in dieser Woche!) alle Aktivitäten der Gemeinde, wie zum Beispiel die Proben, öffentlich durchgeführt. Normalerweise probt die Kantorei im Gemeindehaus, was ich so niemals mitbekommen hätte.

Warum schreibe ich das alles?

In der Rahnsdorfer Gemeinde gibt es Tendenzen, der  Kirchenmusik, also der Verkündigung der christlichen Lehre durch die Musik, gegenüber der Verkündigung durch das Wort, also dem Pfarrdienst, einen geringeren Stellenwert einzuräumen.

Ich möchte mich, einfach aufgrund meiner Geschichte und durch das Erzählen meiner Geschichte, gegen diese Tendenzen aussprechen.

Ich gehe davon aus, dass die Gemeinde daran interessiert ist, neue Gemeindeglieder begrüßen zu dürfen. In der heutigen, säkular geprägten Welt sollte es der Gemeinde also darum gehen, Menschen in den Kontakt mit dem Christentum zu bringen. Und ich denke, es gibt drei Wege, Menschen an des Christentum heranzuführen:

  1. durch das Wort
  2. durch die Musik
  3. durch das Vorleben christlicher Werte

Durch das Singen in der Kantorei erlebe ich alle drei:

-       Durch die Einsätze in Gottesdiensten höre ich Predigten und nehme an den wichtigsten Veranstaltungen des Kirchenjahres teil. In diesem Rahmen besuche ich, nebenbei bemerkt,  wahrscheinlich mehr Gottesdienste im Jahr als 90% der regulären Gemeindeglieder. Überhaupt besuche ich Gottesdienste erst seitdem ich in der Kantorei bin.

-       Natürlich habe ich in der Kantorei Kontakt mit der Kirchenmusik und dadurch mit den Worten der Bibel. Und zwar in ihrer, meiner Meinung nach, schönsten Form.

-       Viele Sänger und Sängerinnen der Kantorei sind aktive Gemeindeglieder. Durch den Kontakt mit ihnen bekomme ich einen Einblick in die Gemeindearbeit und durch Dinge wie ihre Weltoffenheit und soziales Engagement ein positives Bild vom gelebten Christsein.

Ich muss zugeben, dass ich auch nach mehr als drei Jahren nicht getauft, nicht konfirmiert und nicht zahlendes Mitglied der Gemeinde bin. Aber ich unterstütze die Gemeinde, indem ich durch das Singen in Gottesdiensten den Gemeindegliedern Freude mache und ich sorge im Rahmen der Kantoreikonzerte für eine positive Außenwirkung der Gemeinde. Und nicht zuletzt beschäftige ich mich mit den Worten der Bibel und habe durch die persönlichen Kontakte in der Kantorei jederzeit vertraute Menschen zur Hand, wenn mich eine Frage zu Aspekten des Glaubens oder der Bibel beschäftigt.

Bei Leuten wie mir, die normalerweise nicht in den Gottesdienst gehen und keine bekennenden Christen in ihrer näheren Umgebung haben, kann Musik, und zwar niveauvolle Musik, der Weg sein, mit dem Glauben in Berührung zu kommen. Daher sollte man diesen Weg stärken, indem man in der Gemeinde professioneller Kirchenmusik den Stellenwert einräumt, der ihr gebührt!

Reiko Köhler, Woltersdorf
November 2014